Was braucht unabhängiger Journalismus in Österreich?

Findest du auch, dass es jetzt einen Diskurs über mögliche Lösungen für unabhängigen Journalismus braucht? Nachdem wir von relevant. uns wünschen würden, dass eine Debatte angestoßen wird, bei der möglichst viele Perspektiven und Vorschläge ein vielschichtiges Bild ergeben, haben wir uns an Auskenner:innen gewendet und gefragt, was unabhängiger Journalismus in Österreich braucht.

Die Arbeitsbelastung in den Redaktionen Österreichs ist hoch. Die Anzahl der Journalist:innen ist innerhalb der vergangenen 15 Jahre um etwa ein Viertel geschrumpft. In den ausgedünnten Medienhäusern konzentriert sich der Produktionsdruck daher auf deutlich weniger Personen. Aber das ist nur eine von vielen Folgen, die unter anderem aus einem verstrickten System von Abhängigkeitsverhältnissen entstanden sind und wogegen unabhängiger Journalismus antreten sollte. 

Traditionellerweise kommen die Einnahmen für journalistische Produkte zu einem guten Teil aus Werbeanzeigen. Diese Gelder wandern jedoch ab und fließen überwiegend auf die Konten internationaler Online-Giganten, wie google oder meta. Das wirft einerseits Fragen zu Aufmerksamkeitsstrukturen auf, denn selbstverständlich schalten Werber:innen ihre Anzeigen eben dort, wo ihnen die meiste Beachtung geschenkt wird, andererseits rückt grundsätzlich die Finanzierung von redaktioneller Arbeit in den Blick. 

Die Lage ist ernüchternd, denn der Zustand des österreichischen Medienmarkts steht der journalistischen Souveränität regelrecht im Weg. Das beginnt mit der geringen Anzahl der Eigentümer:innen von Medienhäusern – so kann man nur in Wien von medialer Vielfalt sprechen. Im restlichen Land ist die Markt- und Publikumskonzentration derart hoch, dass sie mit demokratischen Grundwerten kaum mehr vereinbar ist. Strukturell liegt damit die unternehmerische Macht über Medien in den Händen weniger Familien, die insbesondere den reichweitenstarken Boulevard beherrschen. Auch der digitale Durchbruch konnte diesem überkommenen System wenig entgegenhalten. Neue journalistische Plattformen von Relevanz, die nicht von bereits vorhandenen Pressehäusern betrieben werden, gibt es nicht. Das Ergebnis ist verhängnisvoll, wie im Media for Democracy Monitor 2021 für Österreich festgehalten ist:

By law, journalists’ independence is protected, but ownership structures limit this freedom in practice.

Zudem befördert die Finanzierung von Medienunternehmen eine enge Verbindung zur Politik, indem sie Ressourcen für den Journalismus konzentriert: Privatmedien sind auf die staatliche Presseförderung, die bisher an Qualitätskriterien gebunden ist, angewiesen. Darüber hinaus fußen ihre Erträge aber auch auf willkürlich vergebenen Inseraten aus den Ministerien – und das ist problematisch. Diese politischen Werbeausgaben, die 2018 mehr als dreimal so hoch ausfielen wie die staatliche Presseförderung, kommen wiederum vor allem der Boulevardpresse zugute.

Abhilfe kann nur ein politischer Wille schaffen, der für eine systematische Förderung journalistischer Unabhängigkeit eintritt. Ein solches Vorhaben steht allerdings nicht in Aussicht. Im Gegenteil, die politische Einflussnahme hat zugenommen und widerspricht damit praktisch einer robusten demokratischen Grundhaltung. So gelangt ein Versuch nach dem anderen an die Öffentlichkeit, wie Medien beeinflusst werden sollten: Es besteht der Verdacht, dass Politiker:innen Berichterstattung mit Steuergeldern gekauft oder direkt in Redaktionen interveniert haben, zugleich wurden einzelne Medien von Pressekonferenzen schlicht ausgeschlossen. Taugliche Gesetze zu Informationsfreiheit oder zum Schutz für Informant:innen bleiben aus und Initiativen zum Schutz für Journalist:innen vor Angriffen sowie zur ungehinderten Ausübung ihrer Arbeit sind überschaubar. 

Wer diese Entwicklungen der letzten Jahre beobachtet hat, wundert sich wohl weder über den Fall von Österreich im World Press Freedom Index von Platz sieben im Jahr 2015 auf Platz 31 im Jahr 2022 noch über die Abstufung im aktuellen Democracy Report (2022) der Universität Gothenburg von einer liberalen zu einer bloßen Wahldemokratie.

Was drängt, ist die Frage nach Lösungen:

Was braucht unabhängiger Journalismus in Österreich?

Mit dieser Fragestellung haben wir uns an zahlreiche Expert:innen gewendet – hier ihre Antworten: 


Anneliese Rohrer

Österreichische Journalistin

Unabhängiger Journalismus braucht in Österreich – wie anderswo auch – vor allem Journalisten mit Rückgrat und einen aufrechten Gang. Alles andere ist Beiwerk: Ein starkes Redaktionsstatut, auf das sie sich jederzeit auch intern berufen können. Konkrete Compliance Regeln beseitigen jede Unsicherheit im Verhalten.
Unabhängiger Journalismus braucht sozial und arbeitsrechtlich abgesicherte Journalisten. Das heißt Mitarbeit, die auf Basis der Zeilenanzahl refundiert wird, darf nicht länger als eine Probephase von sechs Monaten in Anspruch genommen werden. Danach muss die Zusammenarbeit entweder beendet oder in ein normales Angestelltenverhältnis überführt werden. Nur Journalisten, die vor willkürlicher Auflösung ihres Arbeitsverhältnisses geschützt sind, können Unabhängigkeit – ihre eigene und die des Mediums – garantieren.

Nur Journalisten, die vor willkürlicher Auflösung ihres Arbeitsverhältnisses geschützt sind, können Unabhängigkeit – ihre eigene und die des Mediums – garantieren.


Klaus Unterberger

Leiter des Public Value Kompetenzzentrums im ORF

Qualitätsjournalismus ist kein Gratismuster. Wenn Tourismusbetriebe und Restaurants „systemrelevant“ und förderungswürdig sind, sind es Medien erst recht.

1. Ressourcen: Qualitätsjournalismus ist kein Gratismuster. Wenn Tourismusbetriebe und Restaurants „systemrelevant“ und förderungswürdig sind, sind es Medien erst recht. Demokratie ist davon abhängig, dass Menschen auf der Grundlage vertrauenswürdiger Informationen kommunizieren und nicht auf der Basis ungesicherter News, die durch Algorithmen gestreut werden, die keinerlei öffentlicher Kontrolle unterliegen. Dafür braucht es Investitionen in Qualitätsjournalismus, durch eine nachhaltige Finanzierung des ORF ebenso wie eine Qualitätsmedienförderung auf der Basis überprüfbarer und transparenter Qualitätskriterien.

2. Unabhängigkeit von Regierung, politischen Parteien und wirtschaftlichen Lobbys. Dafür sind Transparenz über Eigentumsverhältnisse und Postenbesetzungen erforderlich, die Interventionen redaktionsfremder Interessen ausschließen.

3. Starke Rechte für Journalist:innen: Medien müssen ihre Unabhängigkeit Tag für Tag in der redaktionellen Praxis unter Beweis stellen. Dafür brauchen Journalist:innen wirksamen Schutz durch verbindliche Rechte, Regulative und Redakteursstatute sowie eine effektive Vertretung ihrer Interessen.

4. Ein Internet, das nicht vorrangig als Geschäftsmodell, sondern im Sinn der „res publica“ funktioniert. Dafür ist eine Regulierung auf europäischer Ebene erforderlich, die verhindert, dass einige wenige digitale Konzerne die öffentliche Kommunikation der Menschen dominieren und Social Media-Angebote, die diesen Namen auch verdienen. (siehe auch: Public Service Internet Manifesto)

5. Kritische Mediennutzer:innen, die nicht zulassen, dass ihre Daten missbraucht werden und zwischen medialer Empörungsbewirtschaftung und faktentreuer Berichterstattung zu unterscheiden wissen und kritische Journalist:innen, die die Welt, in der sie leben, ständig hinterfragen. Kritische Reflexion und Medienkompetenz sind angesichts von Fake News und Filterbubbles zu dringend erforderlicher Demokratiekompetenz geworden.


Daniela Kraus

Generalsekretärin Presseclub Concordia

Unabhängiger Journalismus in Österreich braucht zuerst einmal gute medienpolitische Rahmenbedingungen. Dazu gehört eine Medienförderung, die tatsächlich hochwertigen, professionellen Journalismus fördert, anstatt bestehende Verhältnisse zu verfestigen. Eine solche Medienföderung muss außerdem neue Projekte und Initiativen, vor allem auch aus dem Non-profit-Bereich, unterstützen, anstatt nur bestehende Marktteilnehmer und deren Gewinne zu finanzieren.

Eine Medienförderung muss außerdem neue Projekte und Initiativen, vor allem auch aus dem Non-profit-Bereich, unterstützen, anstatt nur bestehende Marktteilnehmer und deren Gewinne zu finanzieren.

Für den ORF ist endlich eine Reform der Gremien notwendig, damit die Journalisten dort unabhängig arbeiten können. Und schließlich brauchen wir dringend ein Informationsfreiheitsgesetz.
Unter den Journalist:innen ist eine Rückbesinnung auf standesethische Normen wünschenswert, und die Medienunternehmen sollten sich viel mehr Gedanken über Compliance machen – und sich in Erinnerung rufen, was ihr Produkt ist und was ihre Kund:innen kaufen: Nämlich unabhängigen Journalismus.


Susanne Wolf

Freie Journalistin und Autorin 

Unabhängiger Journalismus braucht vor allem Journalist:innen, die sich der vorherrschenden Misstände bewusst sind. Die bereit sind, hinzusehen und ihre Stimme zu erheben.

Im Manifest für eine „Erneuerung des Journalismus in Österreich“ schreibt eine Gruppe kritischer KollegInnen:

Medien müssen ihre Rolle als vierte Gewalt ernst nehmen. Ihre Aufgabe als Kontrollorgan von Politik und Wirtschaft ist umso bedeutsamer, je mehr andere Säulen der Demokratie ins Wanken geraten.

Ich selbst habe mich dem konstruktiven Journalismus verschrieben, der sich auf die Suche nach möglichen Lösungen für die Herausforderungen der heutigen Zeit macht. Die üblichen Negativschlagzeilen vermitteln eine einseitige Sicht der Welt und hinterlassen ein Gefühl der Ohnmacht.


Ruth Weismann 

Redakteurin bei der Wiener Straßenzeitung Augustin

Wir sind basisdemokratisch organisiert. Dass ein:e Chefredakteur:in sich zu gut mit der Politik versteht und dies in ihre Arbeit einfließen lässt, kann schon alleine deswegen bei uns nicht so leicht passieren. Unabhängiger Journalismus ist wichtig, um Regierungen und allen, die Macht und Einfluss haben, auf die Finger zu schauen. Und um jenen, die am wenigsten davon haben, auch Gehör zu verschaffen. 

Unabhängiger Journalismus ist wichtig, um jenen, die am wenigsten davon haben, auch Gehör zu verschaffen. 

Unabhängiger Journalismus muss vom Staat garantiert werden und eine Haltung sein. Je größer die finanzielle Abhängigkeit von Politik und Privatwirtschaft – etwa durch Inserate – desto größer die Gefahr, dass die Unabhängigkeit Risse bekommt. Eine gesetzlich geregelte Medienförderung könnte unabhängigem Journalismus helfen, wenn sie sicherstellt, dass Zeitungen nicht aufgrund ihrer Haltung zur Regierung gefördert werden. Außerdem müssten die Arbeitsbedingungen von Journalist:innen so festgeschrieben sein, dass diese adäquat arbeiten können, aber auch kleine Zeitungen und Zeitschriften ohne große Einnahmen, die zur medialen Vielfalt beitragen, davon profitieren.


Milo Tesselaar

Milo Tesselaar, Transformation Strategist (new – Strategy & Culture), Publizist und Co-Founder Demokratie21

Unabhängiger Journalismus braucht Wachsamkeit, Mut und vor allem starken Willen. Von Bürger:innen, Journalist:innen und Politiker:innen.

Unabhängiger Journalismus braucht viele richtig gute Journalist:innen. Zehn Mal so viele, wie derzeit in Österreich.

Unabhängiger Journalismus braucht sehr viel Zeit für die Arbeit von Journalist:innen und Redaktionen. Für eigene Recherche, gedankliche Arbeit, Netzwerkarbeit, Diskurs und die Umsetzung von Ideen.

Unabhängiger Journalismus braucht viel Geld. Für die Beschäftigung von unzähligen Journalist:innen, Entwicklung von und Gründung neuer Redaktionen, Entwicklung neuer journalistischer Produkte, Digitalisierung, Aus- und Weiterbildung, Stipendien-und Austauschprogramme, Journalist:innen-Netzwerke, Forschung, usw.

Schafft die Presseförderung ab. Lasst die Medienförderung sein. Startet eine unabhängige Journalismusförderung, dotiert mit € 300 Millionen im Jahr. Alles andere ist Mumpitz.


Clara Porák 

Mitgründerin der Redaktion andererseits

Unabhängiger Journalismus braucht vor allem eine Öffentlichkeit, die mehr als Publikum sein will. Die Journalismus kritisch verfolgt, ihn immer wieder fordert und nach einem politischen Rahmen fragt, der ihm entspricht.

Ohne Journalismus keine Demokratie.


Tatjana Lukáš

Geschäftsführerin Happy House Media GmbH

Unabhängiger Journalismus VS. das nackte Überleben einer schon Jahre andauernden Phase der medienökonomischen Talfahrt. Kann das gut gehen? Ja, es kann gut gehen, wenn die Förderlandschaft neue Medienprojekte über die Startphase hinaus begleitet. Ja, es kann gut gehen, wenn schon bei der Konzeption Neuer Medien Strategien der Content-Creator-Economy mitgedacht werden, wie beispielsweise leserfinanzierte Abomodelle. Ja, es kann gut gehen, wenn österreichische Medienunternehmen Personalunionsauswüchse wie z.B. zwischen Chefredakteur und Geschäftsführer unmöglich machen. Was dabei helfen wird:

Transparenz & klare Compliance-Regeln. Divers aufgestellte Teams. Fokus auf Kund:innenbedürfnisse und Nutzerorientierung.

Ja, es kann gut gehen, wenn die Förderlandschaft neue Medienprojekte über die Startphase hinaus begleitet.


Dominik Ritter-Wurnig

tag eins – Das neue Magazin für Veränderung

Den Staat braucht Journalismus eigentlich nicht.

Wir glauben fest daran, dass Menschen gut informiert sein müssen. Um die Gesellschaft zu verstehen, in der wir leben. Und um bessere Entscheidungen zu treffen. In einer Demokratie braucht es dafür Journalismus. Dass der Journalismus unabhängig ist, ist eine Grundvoraussetzung – sonst wäre es nämlich kein Journalismus. Journalismus braucht ein mutiges Publikum, das seinen Journalist:innen vertrauen kann und dafür mit Geld oder Aufmerksamkeit bezahlt. Den Staat braucht Journalismus eigentlich nicht.


Katharina Biringer

Junior Scientist, Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; Vorständin bei Radio Orange 94.0

Unabhängiger Journalismus muss auf politischer und auf wirtschaftlicher Ebene unabhängig von Einflussnahme sein. Um das zu garantieren, kann erstens eine nationale, aber auch eine europäische Gesetzeslage, die den Einfluss reglementiert und den Medien- und Meinungspluralismus schützt, bzw. fördert, hilfreich sein.


Zweitens könnte die gezielte finanzielle Förderung von qualitativ hochwertigem, auch investigativem Journalismus, sowohl Online als auch klassisch im Print-, Radio- und TV-Sektor, mehr Unabhängigkeit bewirken. Damit sollte auch abgedeckt sein, dass Journalist:innen sich Zeit für ihre Recherche nehmen können. In Österreich ist das ja nun auch zum Teil geplant.

Mit einer gezielten finanziellen Förderung sollte auch abgedeckt sein, dass Journalist:innen sich Zeit für ihre Recherche nehmen können.


Und drittens bedarf es einer lebenslangen Medienkompetenzförderung sowohl der Journalist:innen als auch der Bevölkerung. Letztere können so lernen, unabhängigen Journalismus zu erkennen, Informationen auf ihre Richtigkeit und ihre Qualität hin zu überprüfen und kritisch zu sein.


Reinhard Jesionek

TV Redakteur, Regisseur, Gestalter und Moderator

Zur Ausgangssituation möchte ich gerne auf ein Interview verweisen, in dem ich „sehr offen” über das Thema mit Günther Soosna beim „reinen Wein” über viele Details gesprochen habe.

Die derzeitige Mediensituation wäre, wenn man die Möglichkeit hat „genau hinzuschauen”, eine Bestandsaufnahme unserer heutigen Welt. Ohne Qualitätssicherung bzw. einem klaren Nachweis der Befähigung darf jeder, der sich dazu für berufen hält, bzw. gelassen wird, in großen  Medienhäusern schreiben oder senden – Es gibt für den Zuschauer keinerlei erkennbare Richtlinien, wie und ob die gesendeten und geprinteten Beiträge „der Wahrheit entsprechen”.

Eigentlich haben wir, was die Massen bzw. Mainstream Medien betrifft eher nur mehr reinen „Meinungsjournalismus”, der aber natürlich nicht als solcher deklariert wird. Dafür ist die Macht der Medien aber definitiv zu groß.

Die Gründe dafür liegen einerseits im Krank sparen der Redaktionen und andererseits in der mittlerweile schamlosen Einflussnahme von Politik und Konzernwirtschaft … „wer zahlt, schafft an” bzw. „cui bono”.

Der Grund, warum das funktioniert, liegt in der gelernten Geschichte des Medienverhaltens. Wir haben als Gesellschaft gelernt, dass man Medien wie ORF oder großen Zeitungen… vertrauen kann, weil es ja einen journalistischen Kodex gibt … der in den 80, 90, auch noch frühen 2000nder Jahren funktioniert hat, aber schleichend sich die letzten 15 Jahre verändert hat. Das haben die Konsumenten aber nicht mitbekommen, da ja auch gut mit Marketing und PR versteckt.

Es ist meiner Erfahrung nach einfach in den Menschen drinnen, das, was von einem Medium aus gesagt wird, beeinflusst uns massiv, ohne dass wir die Chance haben, genau zu wissen, woher die Meldung wirklich stammt. Wir verlassen uns beim Inhalt von Medien, wie bei Nahrungsmittel, auf die Untersuchungen der Lebensmittelbehörden und deren Freigabe.

Ich bemerke allerdings nun, dass ein Teil der Bevölkerung, den ich mit ca. 20% einschätze, schon kritischer geworden ist, vor allem durch die größeren Krisen der letzten 2 1/2 Jahre. Diese Menschen scheinen sich auch pauschal vom gelernten Medienverhalten zu verabschieden, schlittern nur teilweise auch wiederum anders bedenkliche alternative Anbieter im Internet, die meiner Meinung nach aber auch oft besser recherchieren als die gewohnten …

Ich denke, dass wir knapp vor ganz großen Veränderungen, vor allem auch der Medienwelt stehen, und dass auch da kein Stein auf dem anderen bleibt.

Die Chance, die ich als ersten Schritt sehe, ist die klare Entscheidung, vieles vom altgewohnten einfach nicht mehr zu konsumieren, beziehungsweise es auch klar als Meinungsjournalismus zu erkennen, und den Medien daher einen neuen, viel unwichtigeren Platz einräumen.

Leider sind die mir bekannten alternativen professionellen Medienprojekte wie z. B.  www.diekraehe.at oder www.stichpunkt-magazin.com   derzeit noch höchst engagierte, aber ohne finanzieller Triebkraft und daher ohne noch nennenswerter Reichweite, agierende Projekte.  Aber da sehe ich den ersten Schritt zu einer positiven Zukunft in dem Bereich.

Auch der noch gewohnte professionelle Auftritt der Präsentation z. B. im TV, ist im Internet nicht mehr notwendig, und daher gibt es großen Platz für wirklich neues, dass sich primär dem journalistischen Inhalt verschreibt, statt der Aufmachung, PR + Präsentation.

Auch der Regionalisierung im Informationsbereich zb über lokale Internet-Infoportale gehört meiner Meinung nach die Zukunft. Wir können uns nicht mehr auf den Staat und seine Institutionen verlassen, wie es bislang für uns einfach und bequem war. Stattdessen hat aber jeder die Möglichkeit, zu wirken.

Die finanziellen Mittel sind sicher noch ein Anfangsproblem, dass sich aber hoffentlich bald anders zeigt.


Liza Ulitzka

freie Journalistin, Gründerin und Chefredakteurin des investigativen Monatsmagazins „Die Krähe“ 

Unabhängiger Journalismus in Österreich braucht zwei Dinge:
Unabhängige Finanzierung und eine Ausbildung des Nachwuchses
jenseits wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Junge Kolleginnen und Kollegen sehen sich oft gezwungen, den Traumberuf Journalist unter widrigsten Umständen zu verwirklichen. Mit schlechter Bezahlung und „Dauer-Praktikantentum“ kann sich kein kritischer Geist entwickeln. Wer würde schon die heiß ersehnte Stelle mit „den falschen Fragen“ riskieren wollen?

Journalismus, der politisch und wirtschaftlich unabhängig ist, kann nur funktionieren, wenn er allein von seinen Rezipienten bezahlt wird.

Journalismus, der politisch und wirtschaftlich unabhängig ist, kann nur
funktionieren, wenn er allein von seinen Rezipienten bezahlt wird.
Crowdfunding, Abosysteme und Möglichkeiten für Bürger, sich als
Eigentümer mit einem bestimmten Limit an Medien zu beteiligen, wären
gute Modelle um Presseförderung, GIS, Inserate und Werbegelder
obsolet zu machen. Dieses finanzielle Engagement der Bürger sollte vom Staat belohnt werden (Stichwort Spendenabsetzbarkeit etc.).


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Danke an alle Expert:innen, die ihre Perspektive mit uns geteilt haben. Da zu diesem Thema längst nicht alles gesagt sein kann, laden wir dazu ein, uns einen Kommentar zur Frage „Was braucht unabhängiger Journalismus in Österreich?“ zu schicken.


Die wichtigen Gesellschaftsthemen sind relevant.


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