Gefilterte Schönheit: Digitale Schönheitsideale durchschauen
Was haben historische Gemälde mit TikTok-Trends und Beauty-Filtern zu tun? Die Initiative YOUareART verbindet Kunst und Psychologie und lädt Jugendliche dazu ein, Schönheitsideale zu hinterfragen – und zu entdecken, wie Bilder unsere Vorstellungen von Schönheit schon lange vor den sozialen Medien geprägt haben.
Dieser Beitrag ist in Kooperation mit dem Bachelorstudiengang Medienmanagement an der FH St. Pölten im Wahlpflichtmodul „Mediensoziologie, Gender und Diversity“ (Leitung: Mag. Dr. Gaby Falböck; LV-Mitverantwortliche: Mag. Christina Krakovsky) entstanden.

Beauty-Filter sind keine Erfindung von TikTok
Schon lange bevor man sein Aussehen per App makellos erscheinen lassen konnte, wurden Schönheitsideale geprägt – und zwar mit Farbe und Pinsel. Genau hier setzt die österreichische Initiative YOUareART – Ungefiltert schön an.
In ihren Workshops verändern Jugendliche historische Gemälde mit Augmented Reality und hinterfragen dabei den Blick auf Schönheit und ihre Darstellung.
Die Gemälde sind eigentlich auch schon gefiltert, nur eben mit den Filtern der Maler.
Erklärt Projektleiterin Eva Trettler den Ansatz des Projekts.

Ein ungewöhnlicher Perspektivenwechsel
Seit dem Sommer 2025 erleben die Teilnehmer:innen in den Workshops einen Perspektivenwechsel. Am Anfang steht ein historisches Gemälde, das mithilfe von Filtern so bearbeitet wurde, als wäre es ein aktuelles Selfie.
Gemeinsam mit Psycholog:innen und Kunstvermittler:innen sprechen die Jugendlichen darüber, wie Filter funktionieren, wie soziale Medien das Selbstbild prägen und warum Schönheitsideale so stark auf uns wirken. Außerdem zeichnen sie sich selbst mit einer Spiegelfolie, erstellen ihre eigene Künstler:innen Signatur und schießen Polaroids.
Augmented Reality ist dabei mehr als ein technischer Effekt. Sie dient als Einstieg, um Jugendliche direkt abzuholen.
Mit dem eigenen Smartphone verändern sie die Gemälde und merken dabei, wie schnell sich die Wahrnehmung verschieben lässt. So wird aus einem digitalen Werkzeug ein Gesprächsanlass über Körperbilder, Rollenbilder und Medienkompetenz.
Dass dafür historische Kunstwerke gewählt wurden, ist bewusst: YOUareART will die Beauty-Filter aus ihrem gewohnten digitalen Kontext lösen:
„Um zu zeigen, wie bizarr diese Filter wirken, bin ich dann auf Kunstwerke gekommen, weil sie gesellschaftlich angesehen sind, einen Wert und einen ästhetischen Anspruch haben“, erzählt Bernhard Jakšik, Gründer und Creative Director der Kreativagentur dasWeil.

Mehr als ein Museumsbesuch
Gerade die Verbindung zwischen Kunstvermittlung und Psychologie sei für das Projekt zentral. „Kunstvermittlung und Psychologie, das ist so der goldene Wurf“, findet Eva Trettler. Durch diese Kombination würden nicht nur psychologische Inhalte vermittelt, sondern die Jugendlichen erfahren auch etwas über die verschiedenen Künstler:innen und ihre Werke.
Für viele Teilnehmer:innen ist das neu. Ein großer Teil von ihnen besucht zum ersten Mal ein Museum. YOUareART richtet sich an sozial benachteiligte Jugendliche und möchte einen niederschwelligen Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichen.
Während der Auseinandersetzung mit Kunst reflektieren die Jugendlichen gleichzeitig über Geschlechterrollen, den Wandel von Schönheit im Laufe der Zeit und die Frage, was überhaupt ein Original ist.
Viele Jugendliche erleben den Workshop als einen Ort, den sie aus ihrem Alltag kaum kennen: ein Safe Space, in dem offen über diese Themen gesprochen werden kann. Genau dadurch wird der Workshop zu mehr als nur einem Museumsbesuch.
„Offensichtlich ist es also nicht so selbstverständlich für Jugendliche, über solche Themen so offen reden zu können“, so Dr. Karin Waldherr, Leiterin des Instituts für Gesundheitswissenschaften bei Ferdinand Porsche FERNFH.

Warum Jugendliche unter Druck geraten
Dass die sozialen Medien einen Einfluss auf unser Selbstwertgefühl und Körperbild haben, ist bereits bekannt. Betroffen sind besonders junge Menschen, die mitten in einer Orientierungs- und Selbstfindungsphase stecken. Durch Beauty-Filter, Trends wie SkinnyTok und perfekt inszenierte Inhalte entsteht schnell das Gefühl, einem bestimmten Aussehen entsprechen zu müssen. Der ständige Vergleich mit diesen idealisierten Bildern kann das eigene Körpergefühl und damit auch das Selbstwertgefühl nachhaltig belasten.
Wie sich dieser Druck bemerkbar macht, zeigt eine österreichische Studie von Saferinternet.at aus dem Jahr 2024: 71 % der 11- bis 17-Jährigen gaben an, sich mit Personen auf Social Media zu vergleichen, 53 % aufgrund von Online-Inhalten ihr Aussehen bereits verändert zu haben und 27 %, sich nach der Nutzung sozialer Medien schlechter zu fühlen.
Hier versucht YOUareART anzusetzen: Im Rahmen des Projektes soll Raum für Jugendliche geschaffen werden, in dem Schönheitsideale kritisch hinterfragt werden können. Dafür arbeitet die Initiative mit den Kunstvermittler:innen der Heidi Horten Collection und der Akademie der bildenden Künste Wien zusammen, während das Gesundheitszentrum FEM Süd und MEN die psychologische Begleitung übernehmen. Unterstützt wird das Projekt von der Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag des Sozialministeriums. Die Idee und kreative Umsetzung stammen von der Kreativagentur dasWeil, die das Projekt auch betreut.
Was bleibt nach zwei Stunden?
Bislang wurden mehr als 150 Workshops mit rund 2.000 Jugendlichen durchgeführt.
Um herauszufinden, welche Wirkung der Workshop hat, füllten die Jugendlichen vor und nach dem Workshop Onlinefragebögen aus.
Die Ergebnisse zeigen: Zwei Drittel der Teilnehmer:innen gaben an, durch die Inhalte zum Nachdenken angeregt worden zu sein und einige Dinge kritisch hinterfragt zu haben. Besonders häufig nannten sie den Einfluss sozialer Medien auf die eigene Wahrnehmung, die Veränderbarkeit von Schönheitsidealen sowie Geschlechterstereotypen.
Am Ende des Workshops verlassen die Jugendlichen das Museum mit neuen Eindrücken. Die Auseinandersetzung mit historischen Kunstwerken, Schönheitsidealen und Geschlechterstereotypen regt dazu an, die eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen. YOUareART möchte den Blick für bestehende Schönheitsideale schärfen und Jugendliche dazu anregen, auch die eigene Mediennutzung bewusster wahrzunehmen.

Eine Lösung mit Grenzen
Und wie viel Einfluss auf das eigene Körperbild hat so ein Workshop? Die Verantwortlichen der Initiative YOUareART wollen vor allem einen ersten Impuls geben, weil „man natürlich nicht erwarten darf, dass in einem zweistündigen Workshop große Effekte zu sehen sind“.
Sie gehen davon aus, dass die Denkanstöße im Alltag immer wieder mit gewohnten Einflüssen sozialer Medien konkurrieren. YOUareART sieht sich deshalb als Sensibilisierung und nicht als endgültige Antwort auf das Problem.
Hinzu kommt die Frage der Finanzierung. Mehr Mittel würden nicht nur zusätzliche Workshops ermöglichen, sondern auch eine größere Sichtbarkeit. Das Ziel der Initiative ist es, sich langfristig auf weitere Museen und Bundesländer auszuweiten. Auch Angebote für Erwachsene, Lehrkräfte und Senior:innen sind geplant.
Es sind Burschen betroffen, genauso wie Ältere, also auch Seniorinnen und Senioren. Das ist natürlich ein Stereotyp, dass nur junge Mädchen betrifft, sie betrifft es natürlich sehr stark, aber nicht ausschließlich.
Kompetenz statt Verbote
Die Initiative setzt einen anderen Schwerpunkt als die aktuelle Debatte um Social-Media-Verbote für Jugendliche. Statt Jugendliche von sozialen Medien fernzuhalten, will YOUareART sie dazu befähigen, Inhalte kritisch einzuordnen. Nach Ansicht der Initiative sollten Jugendliche die notwendigen Kompetenzen erhalten, um Inhalte auf Social Media kritisch hinterfragen zu können. Gleichzeitig müssten aus Sicht von YOUareART auch Erwachsene stärker für die Auswirkungen sensibilisiert werden, damit Vielfalt und Körperdiversität selbstverständlicher werden.
Für YOUareART geht es dabei um ein großes, aber wichtiges Ziel:
Dass Frauen und Männer, Mädchen und Burschen nicht mehr diesen Druck haben, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen und man sich davon befreien kann.
Formuliert Eva Trettler als Wunsch für die Zukunft.
Vielleicht braucht es deshalb nicht zuerst weniger Social Media, sondern mehr Orte, an denen junge Menschen lernen, das Gesehene einzuordnen.
Dieser Beitrag ist in Kooperation mit dem Bachelorstudiengang Medienmanagement an der FH St. Pölten im Wahlpflichtmodul „Mediensoziologie, Gender und Diversity“ (Leitung: Mag. Dr. Gaby Falböck; LV-Mitverantwortliche: Mag. Christina Krakovsky) entstanden.
Titelbild: Pressebild YOUareART / eselat Robert Puteanu
Weiterlesen? Wer die Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit in der Gaming-Kultur maßgeblich beeinflusst und die Branche dazu angeregt, weibliche Charaktere respektvoller darzustellen: https://www.relevant.news/wenn-die-frau-ins-videospiel-kommt/
Quellen und Linktipps
- Mehr über das Projekt direkt auf der YOUareART WEBSITE auf der sich auch Materialien zum Download und eine Liste von Anlaufstellen für Jugendliche mit Fragen rund um psychische Belastungen finden.
- Jugend-Internet-Monitor 2024
- Gesundheit Österreich GmbH / YOUareART Medieninfo
- dasWeil
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